Meine Interview-Reihe “Expertenrunde” nimmt langsam Gestalt an. Mit Malte Landwehr begrüße ich heute den 3. Interview-Gast der Serie auf meinem Blog. Wie man es von Malte kennt, hat er sich besondere Mühe mit seinen Antworten gegeben und sogar Bilder mitgesendet – danke dafür, Malte.
Wie immer findet Ihr am Ende des Interview eine tl;dr Zusammenfassung, in der ich eine Art Résumé des Interview ziehe. Ich freue mich auf Euer Feedback zum Interview. Viel Spaß!
Malte, wer bist Du? Was machst Du?
Malte Landwehr
Ich bin Malte Landwehr, Jahrgang 86 (was vermutlich sogar in der SEO-Szene noch eher jung als alt ist) und seit einer gefühlten Ewigkeit als Webmaster, SEO, Community-Betreiber, Blogger, Affiliate, Administrator usw. unterwegs. Der ein oder andere könnte mich schon durch mein Blog über Online Reputation Management oder meine Aktivitäten in diversen sozialen Netzwerken (G+, FB, T) kennen. Und meine ehemalige Tätigkeit als Moderator im SEO Forum von Abakus (2008 – 2011) sowie die Mitgründung der seoFactory GmbH (2008 – 2010) sollen auch nicht unerwähnt bleiben. Bei seoFactory bin ich als Head of SEO und Gesellschafter zwar relativ schnell wieder ausgeschieden aber zumindest unsere seoAcademy (eine dreimonatige SEO-Schulung in einem Feriendorf auf Kreta) war insofern ein Erfolg, als dass ehemalige Trainees und Praktikanten heute bei Firmen wie Google, TRG – The Reach Group, Explido und Axel Springer gelandet sind.
So sah der Outdoor-Arbeitsbereich während unserer seoAcademy auf Kreta aus.
Wie kamst Du zu dem, was Du heute beruflich tust?
Ich war schon als Kind nerdig und habe Internetforen für Clans in Computerspielen und meine Schulfreunde betrieben. Irgendwann kam dann eine Bildergalerie mit Partyfotos aus der Region dazu und ich habe begonnen, mich dafür zu interessieren, wo die Besucher eigentlich herkommen, die die URL nicht durch Mund-zu-Mund Propaganda erhalten hatten. Mit 16 habe ich mir gedacht, dass man mit diesen Besuchern ja auch mal Geld verdienen könnte und so ging es dann los. Nach ersten eigenen Gehversuchen und viel passivem Konsum von allen Infos, die ich finden konnte, begann ich 2005 mich in der SEO-Szene auch aktiv zu beteiligen.
Was waren die größten Fehler, die Du am Anfang begangen hast?
2005 ist mir mein erster Linkbait geglückt ist. Und mit geglückt meine ich, extrem steil durch die Decke gegangen. Es gab Links von Portalen wie MSN und der Washington Post. Und der Traffic, den die Startseiten von Fun-Websites wie CollegeHumor geliefert haben, war auch nicht ohne. Leider konnte ich damals noch nicht einschätzen, wie viel Power und Trust die betreffende Domain dadurch bekommen hat. Und anstatt bei den Traffic-Peaks schnell Layer zu schalten, habe ich darüber gelacht, dass auf 100.000 AdSense Views nur 20 Klicks kamen.
Ein genereller Fehler, den ich mir aber verzeihe, weil Spaß tausendmal wichtiger als Geld ist, ist, dass ich bei vielen frühen Projekten nicht auf Monetarisierbarkeit geachtet habe. Das ging eher so nach dem Motto “kling lustig, mach ich mal ein Projekt zu”.
Verpasste Chancen bei Keyword- und Expired-Domains sind auch so eine Sache über die ich mich ärgere. 2008 habe ich mit wenig Aufwand an paar Expired-Domains, teilweise sogar Expired-Keyword-Domains, gefunden und gereggt. So ganz oldschool und manuell mit Xenu. Mir war klar, dass es ein Spitzenplan ist, das zu automatisieren, sich den alten Content aus dem Webarchive zu ziehen und dann Werbung drauf zu klatschen und/oder Links zu verkaufen. Wenn ich damals ein bisschen Zeit und Geld in diese Idee gesteckt hätte, hätte ich davon bis zum Pinguin-Update entspannt leben können.
Was ist das wichtigste, um online erfolgreich Projekte zu betreiben?
Ein ganzheitliches Konzept und der Wille zum Erfolg? Es fällt mir schwer, hier allgemeine Regeln zu erkennen. Es gibt erfolgreiche Projekte, hinter denen totale Chaoten stecken, die selten mehr als 2 Tage in die Zukunft planen. Aber durch unglaublich viel Power und ein motiviertes Team läuft (zumindest nach außen hin) alles rund. Andere Teams setzen ihre Projekte nur dann erfolgreich um, wenn sie mit viel Struktur und Analysen an die Sache herangehen.
Und von den Samwers haben wir wohl alle gelernt, dass es auf das Erkennen von Chancen und die Durchführung ankommt. Execution übertrumpft sogar First Mover und USP. Das sehe ich auch im SEO oft. Es ist nicht derjenige erfolgreich, der das meiste SEO-Wissen hat, sondern derjenige, der gute Prozesse für On- und Offpage schafft und diese konsequent umsetzt. Auch wenn dabei nur die Basics zum Einsatz kommen.
Wann klickst Du eine Webseite sofort wieder zu?
Wenn ich auf den ersten Blick erkenne, dass sie mein (zu diesem Zeitpunkt wie auch immer geartetes) Bedürfnis vermutlich nicht befriedigen kann. Allgemein sind Autoplayvideos, die man nicht stoppen kann, langsame Ladezeiten und Flash-Layer, die sich nicht vernünftig wegklicken lassen, gute Mittel, um mich schnell loszuwerden.
Wie oft täglich/wöchentlich nutzt Du…
Google Plus = stündlich
Facebook = alle 30 Minuten
Xing = Mehrfach pro Woche. Aber nur wenn ich einen entsprechenden E-Mail Alert bekomme oder etwas nachschauen möchte.
Pinterest = Unregelmäßig alle paar Woche
Wie siehst Du das Thema Facebook? Kann man es sich heute noch leisten nicht dort vertreten zu sein?
Meinst du mit der Frage jetzt normale Menschen, Brands oder SEOs? Für mich persönlich erfüllt Facebook drei Zwecke:
- Kommunikation mit Offlinefreunden: Als Offlinefreunde bezeichne ich jetzt einfach mal alle meine Kontakte, die nicht aus der Online Marketing Welt kommen; also alte Schulfreunde, Kommilitonen aus dem Studium, usw. Was früher ICQ und StudiVZ waren, ist heute Facebook. Egal ob ein Treffen zum 6-jährigen Abiturjubiläum oder ein Discobesuch, alles wird über Facebook geplant.
- Networking: Viele SEOs (und andere Onliner) habe ich noch nie im echten Leben getroffen (und wenn, dann meist nur wenige Male), aber durch regelmäßige Kommunikation auf Facebook hat man den Eindruck sich zu kennen. Natürlich ist Bier immer noch die beste Möglichkeit, einem SEO seine Tricks zu entlocken, aber auch durch Online-Networking kommt es zu mehr Hilfe und Austausch untereinander. Dabei hat Facebook gegenüber anderen sozialen Netzwerken in Bezug auf das Networking und In-Kontakt-Bleiben den Vorteil, dass auch mehr über privates gesprochen wird.
- Seeding & Reichweite: Facebook ist nach wie vor eine gute (vielleicht die beste) Plattform, um virale Kampagnen zu starten. Dafür hilft es, selbst aktiver Teilnehmer zu sein.
Wie siehst Du das Thema Google Plus? Wird in der Zukunft nur noch in Suchmaschinen gefunden, wer über ein lebendiges Google-Profil verifiziert ist?
Ich glaube, dass Google+ in der Führungsetage von Google so unglaublich viel Rückhalt hat, dass das Projekt ein Erfolg werden wird. Die Autoren-Fotos waren ein Anfang um Blogger und Journalisten zur aktiven Nutzung zu bewegen. Brands werden in den USA durch Search Plus Your World geködert und Google+ Local ist der nächste Schritt, um KMU auf Google+ zu locken.
- Welcher Autor (Blogger oder Journalist) möchte auf sein Foto in den SERP verzichten?
- Welche Marke möchte nicht extra viel Platz in den SERP mit eigenen Inhalten (in diesem Fall der Google+ Seite) belegen?
- Welches Filialgeschäft möchte nicht im lokalen Umfeld alle Mittel ausnutzen, die Google anbietet?
Natürlich ist Google+ keine Notwendigkeit. Aber der Nutzen ist schon jetzt so groß, dass ich keinen Grund sehe, nicht mitzumachen.
Wer als Autor in den Suchergebnissen auffallen will, muss sein Google+ Profil pflegen und verknüpfen.
Wozu nutzt du Twitter? Wem empfiehlst du es zu nutzen?
Twitter nutze ich als Bedarfsnewsquelle. Da es immer wieder Leute gibt, denen man nur aus Gefälligkeit folgt oder um DMs austauschen zu können, habe ich mir bei Hootsuite eine extra Spalte eingerichtet, in der nur Leute sind, die für mich relevantes twittern. Das heißt gute SEO-News und wenig Privates oder Lustiges. Zwei der weniger bekannten Accounts aus meiner Must-Read Liste (Achtung: Follow-Empfehlung!) sind:
- @gudrup für Social Media
- @tarasowskifür Analytics
Der Rest rekrutiert sich aus den üblichen Verdächtigen (Marcus, Sasa, Andreas, Astrid, Karl, Dominik, Johannes, Hans usw.), denen vermutlich jeder folgt.
Langfristig glaube ich nicht an Twitter. Genau wie Foursquare keinen Mehrwert gegenüber Facebook mehr bietet, wird Twitter bald von Google+ überrollt werden. Daher würde ich heute für die meisten Themen nicht mehr viel Energie in den Aufbau einer neuen Twitter-Präsenz stecken.
Als SEO schadet es natürlich trotzdem nicht, für jedes Projekt eine Hand voll automatisierter Twitter-Accounts zu betreiben.
Kaufst Du im Internet ein? Begründung?
Ich kaufe sehr viel im Internet. Manchmal auch Kram wie Deo oder Aufsätze für meine elektrische Zahnbürste. Privat bin ich im eCommerce fast völlig von Google losgelöst. Was es bei Amazon (bzw. im Market Place) gibt, wird auch dort gekauft.
Der Grund ist denkbar einfach: Es spart viel Zeit und der Umtausch ist problemlos.
Wo siehst Du eCommerce in 10 Jahren?
In 10 Jahren kannst Du Deinen TV-Stream stoppen und per App Gegenstände auswählen. Zum Beispiel Kleidungsstücke der Schauspieler. Ein schlauer Algorithmus erkennt das Produkt und lässt es Dich per Klick in Deiner Größe kaufen. Vorher bekommst Du noch eine Demo gezeigt, wie das Kleidungsstück an Dir aussehen wird. Alternativ machst Du auf der Straße unauffällig ein Handyfoto und benutzt die gleiche App und schamlos das coole Outfit nachkaufen zu können, dass du gerade gesehen hast.
Die Frage ist, ob es den Begriff eCommerce in 10 Jahren noch geben wird. Es gibt schon viele Ansätze, bei denen die Grenzen zwischen analogem und digitalem Shoppen verschwinden. Wenn dieser Gedanke weitergetrieben wird, gäbe es kaum noch reinen eCommerce und kaum noch Commerce, der nicht auch ein bisschen digital ist. Dann bräuchte man dafür keinen dedizierten Begriff mehr.
Wer wird Fußball Europameister 2012?
Ein tolles Interview, danke an Malte! Nun meine Zusammenfassung…
tl;dr
Malte Landwehr ist Webmaster, hauptsächlich Affiliate und Blogger. Seine Kern-Themen sind SEO & Online Reputation Management. Zumindest in der Online-Szene ist er bekannt wie ein bunter Hund, gefühlt ist er auf allen relevanten Konferenzen, Veranstaltungen und vor allem in sozialen Netzwerken aktiv und präsent. Wie so viele kam Malte eher zufällig zu dem was er heute tut. Er betrieb schon früh diverse Foren und fragte sich woher der Traffic eigentlich kommt und wie man ihn zu Geld machen kann. Maltes größter Fehler waren verpasste Monetarisierung-Versuche und nicht erfolgreiches Snapping von interessanten Domains. Um Erfolg im Internet zu haben benötigt man laut Malte den festen Willen dazu und ein ganzheitliches Konzept – wobei er neben einer guten Planung betont, dass die Ausführung noch wesentlich wichtiger ist – klar. Autoplayvideos, langsame Webseiten und Flashlayer die man beim Besuch einer Webseite nicht vernünftig zuklicken kann, veranlassen ihn selbige sofort wieder zu verlassen. Auf Google+ & Facebook findet man ihn regelmäßig. Wie bei den vorherigen Interviewten besucht er Xing nur noch, wenn Ihn eine System-Mail erreicht – ein Trend? Pinterest ist bei ihm noch nicht wirklich angekommen, dafür nutzt er Facebook und G+ umso intensiver. Seine Aktivität auf Facebook ist unterteilt in die folgenden Bereiche: Kommunikation mit Offlinefreunden, Networking, Seeding & Reichweite. In Google+ sieht er einen großen Nutzen für Autoren, Marken und die offline-Welt – insbesondere die Autoren-Fotos um sich in den SERPS von anderen abzuheben sieht er schon jetzt als großen Vorteil an. Twitter hingegen sieht er langfristig nicht am Himmel der Social-Networks, ihm dient Twitter schon jetzt nur noch als Bedarfsnewsquelle, die seiner Meinung nach bald von G+ überrollt wird. Malte kauft sehr viel im Internet ein, geht dabei jedoch nicht den Umweg über Google, sondern nutzt aus Bequemlichkeit Amazon. Für ihn wird sich eCommerce in 10 Jahren stark verändert haben. Neben spannenden Features wie eine Anziehdemo um den potentiellen Einkauf an sich selbst zu testen, werden normal sein. Man kann aus dem TV-Stream heraus einkaufen und der offline Markt wird stetig weiter mit dem online Markt verschmelzen – er vermutet, dass der Begriff eCommerce in 10 Jahren zu allgemein sein wird und sucht einen dedizierten Begriff für alles was kommt.
In diesem Sinne…
Titelbild-Quelle CC BY-ND 2.0: HikingArtist.com
Schlagwörter: Expertenrunde, Facebook, Google, Herzblatt tl;dr, SEO, Social Media, Social-Networks













5 Kommentare
Super Interview!! Danke!
Interessantes und spannendes Interview.
Hallo Yannick, ein schönes Interview. Sowohl die Fragen als auch die Antworten haben informativen Unterhaltungswert.
Aber eines frage ich mich: Warum diese Zusammenfassung am Ende? Für ein Fazit etwas zu lang und irgendwie habe ich mir da etwas anderes “versprochen”.
Hey Ina,
naja – das tl;dr im Herzblatt-Style ist etwa 1/5 so lang, als das Interview selbst und fasst am Ende die Kernaussage aller Antworten noch einmal ohne das Geschnörkel zusammen.
Wer das Interview liest braucht den tl;dr Teil nicht und umgekehrt genauso
Was hast Du dir denn davon “versprochen”? Bin jederzeit offen für Verbesserungsvorschläge
Beste Grüße,
Yannick
Hey Yannick,
ich persönlich (als Texterin) hätte die Zusammenfassung bspw. mit Absätzen strukturiert…und erwartet habe ich vll. Deine Meinung zu manchen Aussagen von Malte, einen Interaktionsaufruf (Was haltet Ihr von Maltes Ansicht hinsichtlich Twitter?) oder noch Punkte / Fragen, die Du Malte gestellt hast, aber nicht im “großen” Interview abbilden wolltest. So etwas in der Art.
Aber wie bereits erwähnt: Ich finde Deine Fragen gut und mochte auch schon die anderen Interviews.